Divertimento vocale Freiburg
09.04.2012

Zu den Werken, den Komponistinnen und den Komponisten

Das Schweizer – und insbesondere das Westschweizer – Chorrepertoire erweist sich als besonders vielseitig und zeugt von einer nie abreissenden Lust auf Neues. Auf der vorliegenden CD finden sich Werke mit Musik aus weniger als hundert Jahren. Die Texte hingegen widerspiegeln die Gefühle und Erfahrungen von Menschen aus über zwei Jahrtausenden. Sie sind der Bibel und Liturgien entnommen oder entstammen der regelmässigen oder punktuellen Zusammenarbeit zwischen schweizerischen Wort- und Tondichter­innen und -dichtern (mit Ausnahme von Flowers, nach einem Gedicht der Engländerin Emily Dickinson). Lieder in nicht weniger als sechs Sprachen, wovon Schweizerdeutsch und Französisch noch in lokale Idiome unterteilt werden könnten, bezeugen die Weltoffenheit des Deutschfreiburger Chors und die zeitlich und räumlich verbindende Funktion der Musik, durch deren Komponistinnen und Komponisten zehn Schweizer Kantone vertreten sind (in der Werkliste mit dem Herkunftskanton gekennzeichnet). Auch thematisch befinden wir uns mit den besungenen Themen in einem zeitlosen Raum: Es geht um Liebe, Glauben, Jahres- und Tageszeiten sowie um die Heimat, um das Leben schlechthin, eben.

Den Schöpferinnen und Schöpfern der vorgetragenen Stücke ist wiederum gemeinsam, dass sie, mit der Ausnahme von Carl Rütti, Laurent Mettraux und Marianne Meystre, selber erfahrene Chor­diri­gent­innen und -dirigenten sind oder waren, so auch die jetzige Leiterin des Divertimento vocale, Caroline Charrière. Sie hat dem Chor schon mehrere Werke gewidmet, wie etwa das zu dessen zehnjährigen Bestehen entstandene Oratorium für Chor und Orchester Le livre de Job (Das Buch Hiob, UA 2001). Ebenso gemeinsam ist den Komponistinnen und Komponisten, dass sie weltliche und geistliche Musik komponieren. Henri Baeriswyl als Verfasser sowohl des Texts als auch der Musik von Redites-moi ce temps stellt in dieser Eigenschaft eine Ausnahme dar. Während die Mehrzahl unter den Komponistinnen und Komponisten ihre Inspiration in ihrem direkten Umgang mit Chören finden und somit die Trennung zwischen schöpferischer und ausführender musikalischer Tätigkeit aufheben, verdanken wir Willy Burkhard, Jean Daetwyler, Bernard Reichel, Carl Rütti, Caroline Charrière und Laurent Mettraux auch ein reichhaltiges instrumentales Œuvre. Marianne (Hofer-)Meystre ihrerseits komponiert heute ausschliesslich für ihr Figurentheater in Luzern.

Unter den Komponisten der Vergangenheit müssen mehrere Erneuerer erwähnt werden. Der Freiburger Chorherr Joseph Bovet hat, wie Johann Georg Nägeli ein Jahrhundert zuvor, dem Volkslied einen markanten Impuls gegeben, indem er das Chorwesen förderte und gleichzeitig dessen Repertoire so nachhaltig prägte, dass Lieder wie Là-haut sur la montagne (1911) noch heute zu den Klassikern der Westschweizer Chorliteratur gehören. Als Leiter der wichtigsten Gesangsensembles von Freiburg bestimmte er das Musikleben im ganzen Kanton und beeinflusste das musikalische Empfinden der Bevölkerung; er wird daher als «Vater» der Freiburger – wenn nicht sogar Westschweizer – Chorbewegung seiner Zeit betrachtet; zudem trug er zur Wiederbelebung der religiösen Musik bei. Lokal verankert, aber mit internationaler Ausstrahlung, war der Erneuerungswille des Priesters Pierre Kaelin, der an der Liturgie des Zweiten Vatikanischen Konzils mitarbeitete. Auch Willy Burkhard gilt als Erneuerer der geistlichen Vokalmusik seiner Zeit. Jean Daetwyler, dem ins Wallis gezogenen Basler, gelang es, eine Kunstsprache zu schaffen, die von der Volkston-Melodik genährt ist. Was von den noch lebenden Komponistinnen und Komponisten bleiben wird, entscheidet die Zukunft. Und die scheint gesichert: Der Nachwuchs wird gezielt gefördert, etwa durch die Gründung von Jugendchören. Durch die regelmässige Vergabe von Auftragskompositionen sichern die Chöre weiterhin die Bereicherung des Repertoires durch neue Klänge. Wenn man davon ausgeht, dass die Vitalität der Chöre namentlich von der Qualität der Stimmen und der Interpretationen sowie von der Originalität des Repertoires abhängt, ist eines sicher: Im Kanton Freiburg lebt das Chorwesen. Und es ist lebendiger denn je.

Irène Minder-Jeanneret

Bibliografie

CD Schweizer Chormusik

CD Schweizer Chormusik