Divertimento vocale Freiburg
09.04.2012

Aus dem Leben gesungen – ein musikalisches Porträt des Divertimento vocale Freiburg

Zwanzig Jahre sind einige Chormitglieder schon dabei, so lange gibt es das 1991 gegründete Divertimento vocale Freiburg. Was bewegt heute jemanden, nach einem ausgefüllten Berufs- und/oder Familienarbeitstag noch zwei Stunden bei einer Chorprobe mitzuwirken und mehrere Male pro Jahr die Strapazen eines öffentlichen Konzerts auf sich zu nehmen? «Der Stimme und Stimmung zuliebe», meint eine Sopranistin, und ein Bass meint schalkhaft: «Ich singe gerne und wenn möglich richtig.» Eine Altistin kommt durch die Kraft der gemeinsam gestalteten Musik gestärkt aus der Probe; für die Balance zwischen Intellekt und Seele singt ein weiterer Bass, denn für ihn wird im Chor «das Sehen zum Hören, der Kopf zum Bauch, und die Angestrengtheit zur Lust».

Chöre als Motoren der kulturellen Integration

Der Gesang gehört zu den ursprünglichsten Ausdrucksformen des menschlichen Kunstsinns. Ob in religiösen Ritualen oder in szenischen Darstellungen, ob in Verbindung mit Worten oder vokalisierend, der Gesang fasziniert und verbindet Menschen seit jeher. Gleichzeitig blieb er historisch lange unfassbar, weil erst seit jüngerer Zeit reproduzierbar und im Gegensatz zu Musikinstrumenten auch nicht bildlich darstellbar. Abhandlungen der frühen Neuzeit und erste Grammophon­aufnahmen lassen uns erahnen, wie wenig wir über Interpretationen vor der Ära der technischen Reproduktionsmöglichkeiten wissen.

Ein Blick in die Schweizer Musikgeschichte zeigt, dass diese im Bereich der Chorgesangspraxis bis weit ins 19. Jahrhundert meist lückenhaft ist, nicht nur im Freiburgerland. Diese Lückenhaftigkeit lässt sich in erster Linie durch die Oralität der Vermittlung erklären. Lieder, die bei der Arbeit gesungen wurden, etwa in der Landwirtschaft, wurden kaum schriftlich tradiert, oder dies dann auf Handzetteln, die nicht erhalten sind.

Die Wurzeln des heutigen Chorwesens lassen sich im Bereich der weltlichen Musik nur bis ins 19. Jahrhundert verlässlich zurückverfolgen. Im Kanton Freiburg gibt es drei parallele Entwicklungen zu berücksichtigen. Am besten nachvollziehen lässt sich der Chorgesang in Kirchen und Klöstern. Unter welchen Umständen der Chorgesang der Ordensleute durch den Gemeindegesang erweitert oder/und ersetzt wurde, muss noch erforscht werden. In den Freiburger Schulen gehörte Singen ab den 1820er-Jahren zum Unterrichtsstoff, was angesichts der damals engen Verbindung zwischen Schule und Kirche ein Hinweis auf einen solchen Transfer sein könnte. Ein zweiter Pfeiler des Chorgesangs ist die in der Deutschschweiz ab 1810 durch Hans Georg Nägeli (1773–1836) hervorgerufene Chorbewegung, die sich ab 1833 unter dem Einfluss von Jean Bernard Kaupert (1786–1863) auch im Genferseegebiet etablierte. Neben der pädagogischen Motivation hatte die Bewegung auch eine stark sozial und national integrative Wirkung, die sich allerdings – zumindest in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens – auf die bürgerliche Gesellschaftsschicht begrenzte, denn die grosse Mehrheit der Bevölkerung verfügte schlicht nicht über die notwendige Freizeit, um einem Chor beizutreten. Die Tradition der heutigen gemischten Chöre beruht zudem auf einer ebenfalls im 19. Jahrhundert entstandenen, stark patriotisch und nationalistisch motivierten Bewegung. Im Kanton Freiburg wurde mit der Société de chant der erste Gesangsverein erst 1841 gegründet. Die Annahme, es handle sich bei den Liedern im Volkston, die im 19. Jahrhundert das Grundrepertoire der Chöre bildeten, um die Übernahme jahrhundertealter, ursprünglich mündlich übermittelter Weisen, ist allerdings falsch. Die «Nationalweisen» und «Schweizerlieder» waren Neudichtungen mit ebenfalls neuen Weisen. Diese bedienten sich zwar der charakteristischen Merkmale der Musik aus dem Alpenraum und huldigten damit dem Mythos der unverdorbenen Bergwelt, hatten aber keinen direkten Bezug zum effektiven Liedgut der Alpenbevölkerung, oder, wie es die Schweizer Volksmusikforscherin Brigitte Bachmann-Geiser prägnant zusammenfasst: «Die Kühreihen und Volkslieder wurden in sentimental bebilderten Raubdrucken zu Salonmusik.»

Der dritte Pfeiler besteht aus der Gesangs­tradition, die der Schweizerischen Musikgesellschaft (1808–1867) entsprang. Der Verein hielt in unregelmässigen Abständen in Schweizer Städten Feste ab, wovon zwei in Freiburg stattfanden (1816, 1843). Diese Anlässe hatten eine gleichzeitig verbindende und verbreitende Wirkung auf das Chorwesen. Bereits 1813 wurde der Freiburger Musikverein (Société de musique, 1813–1843) gegründet, eine Initiative zur Institutionalisierung des bürgerlichen Musiklebens, die aus der Schweizerischen Musikgesellschaft herauswuchs. Im Verein gab es einen Männerchor und einen gemischten Chor. An hohen Feiertagen wirkten die Chöre in der Ka­the­dra­le St. Nikolaus bei der Aufführung gross besetzter geistlicher Werke mit. In halbprivaten Konzerten führten Mitglieder der Société de musique mit professioneller Verstärkung auch weltliche Werke auf, namentlich Auszüge aus Opern. Diesem Pfeiler entspringt die Praxis der Kunstmusik ausserhalb des kirchlichen Rahmens.

Das heutige Repertoire unserer Chöre besteht somit aus der Verschmelzung der drei historischen Traditionen. Diese erklärt auch die auf den ersten Blick beliebig scheinende Werkauswahl mit geistlicher, weltlicher, im Volkston gehaltener und zeitgenössischer Musik, die auf der vorliegenden CD eingespielt wurde.

Das Repertoire: Kontinuität in der Innovation

Chöre sind gleichzeitig Auslöser und Zielgruppe von Chorkompositionen. Den von Dachverbänden lancierten Kompositionswettbewerben und den von Chören gezielt vergebenen Kompositionsaufträgen ist es zu verdanken, dass das Chorrepertoire sich ständig erneuern konnte und die Sängerinnen und Sänger mit der Musik ihrer Zeit vertraut machte. Die in der vorliegenden CD eingespielten Werke sind in einer weniger als hundertjährigen Zeitspanne entstanden, davon die Mehrheit in den vergangenen fünfzig Jahren.

Mys Seiseländli ist für die CD tonangebend: Das Divertimento vocale räumt Freiburger Komponistinnen und Komponisten beidseits der Saane einen prominenten Platz ein, deren Werke mit Stücken weiterer Schweizer Komponistinnen und Komponisten ergänzt werden. Damit erweist es den Tonschöpferinnen und -schöpfern seines eigenen Kulturkreises die Ehre und präsentiert gleichzeitig einen Überblick über schweizerisches Chorschaffen eines Jahrhunderts mit mehreren Erstaufnahmen. Durch seine geografische Lage zwischen Deutsch- und Welschschweiz sowie zwischen Voralpen und Mittelland ist Freiburg für eine räumliche Brückenfunktion prädestiniert. Auch dafür kann die vorliegende CD stehen.

Nach zwanzig Jahren gemeinsamer Gesangs­praxis legt das Divertimento vocale nun eine Porträt-CD vor, die das angeeignete Repertoire widerspiegelt und die als Ausgangspunkt für mögliche zukünftige Vorhaben dient. Mit der Werkauswahl will der Chor das eigene, lokale Publikum erfreuen, aber auch einem weiteren Kreis Interessierter den Zugang zur musikalisch und sprachlich vielfältigen Freiburger Chorgesangstradition aus älterer, neuerer und neuester Zeit ermöglichen.

Irène Minder-Jeanneret

Bibliografie

CD Schweizer Chormusik

CD Schweizer Chormusik